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Der Teufel ist charakterlos Aus einer Notlage am Ende des Ersten Weltkrieges suchten zwei Freunde - der im Schweizer Exil lebende Igor Strawinsky und der Schriftsteller Charles Ferdinand Ramuz - einen Ausweg. Das Ergebnis, auf die Bedingungen des armen Theaters zugeschnitten, hat im Konzertsaal seinen festen Platz, doch reizt die "Geschichte vom Soldaten, gelesen, gespielt und getanzt" auch immer wieder dazu, sie auf die Bühne zu bringen. Die Märchenhandlung in ihrer Zeitlosigkeit hat auch den Puppenspieler Albrecht Roser inspiriert. Beim Musikfest hatte das Stück im Großen Kursaal in Stuttgart - Bad Cannstatt in seiner Regie Premiere. Die Bühne ist fast leer, ein variables Metallgerüst, eine Leiter, deutet verschiedene örtliche Situationen an. Nach seinem Einzug durch den Saal nimmt das Orchster vor der breiten Rückwand der Dreiecksbühne Platz, auf deren beide Seiten hin die Zuschauerblöcke gerichtet sind. Rosers Konzeption der Geschichte als Figurentheater akzuentiert den Spielcharakter des Geschehens: die Verwendung von Maske und Figur macht das Verhältnis von Person und Rolle erkennbar. Der Teufel, der immer wieder in einer anderen Maske auftritt, ist der totale Rollenspieler, der sich nur verstellt, also charakterlos ist. Das demonstriert großartig sein letzter Auftritt in der von Roser entworfenen Schirmmaskengestalt, unter deren aufgespannten roten Tüchern er verschwindet und stattdessen seine vielgestaltigen Masken ringsum sehen läßt. In der Maske der Prinzessin ist die Projektion männlicher Sehnsüchte verkörpert, die sie ihrer Identität beraubt und sie in ein Objekt der Begierde, in eine Scheinexistenz zwingt. Nicht so klar dagegen ist die Funktion des doppelgestaltigen Soldaten. Die überlebensgroße Figur, die der Spieler vor sich herträgt, stellt hier eher eine Allegorie dar - der personifizierte Rollenträger, der sich den Erwartungen anderer so weit angepaßt hat, daß ihm sein Eigenleben abhanden gekommen ist. Eindrucksvolle Szenen gab es genug - etwa die Verwandlung des Soldaten in den Kaufmann, die Wagenfahrt mit dem Teufel "querhimmelein", die witzige Einbeziehung der Musiker in die Marktszene und nicht zuletzt die Tänze. Aber was wäre schließlich die Geschichte ohne Strawinskys Musik, hervorragend gespielt vom Ensemble Diagonal unter der Leitung von Nikos Tsouchlos! Was sie an Rhythmus, Dynamik, Ironie, Witz, ja Frechheit zu bieten hat, fehlte bei der Premiere an manchen Stellen im darstellerischen Bereich. Daß die Synthese von Text und Musik nicht ganz erreicht wurde, lag vielleicht an einer Abweichung von der Vorlage, die ins Gewicht fällt: Der gesamte Text ist nicht, wie im Original, auf einen Vorleser und die Personen Soldat und Teufel verteilt, sondern wird ausschließlich vom Erzähler (der auch mitspielend in die Handlung integriert ist) gesprochen - eine bewundernswerte Leistung von Felix-Bastian Sprung. Falls das, wie ich annehme, durch die Masken erforderlich war, ging es auf Kosten der Animation der Soldatenfigur und der Gebärden. Die Pantomime wurde so eine textbegleitende Bewegung, eine die Leichtigkeit behindernde Illustration oder Imitation zur gesprochenen Handlung. Für die aufwendige Teufelsrolle von Thomas Mielentz leichter zu bewältigen als für Klaus Tkacz, der nicht nur durch die Rolle des thumben Soldaten eingeengt war, sondern auch noch die Figur zu tragen hatte. Noch zu erwähnen: Regina Walks stilvoller Tanz mit Stäben und die Figuren und Masken von Sebastian Roser. Gisela Ulrich, Stuttgarter Zeitung 9. Spetember 1993 |